Gerrit Witt:

Sozialpädagogische Intervention bei schwer erreichbaren Kindern

"Haste mal 'ne Mark?"

Straße als Lebensraum von Kindern und Jugendlichen in Deutschland
 
 

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Wolken schimmern in den Flüssen meiner Tränen.
Die Zeit der Einsamkeit nimmt ihren Lauf.
Ich sah sie nur im Zeichen eines Schattens.
Sie flog zum Stern der Zweisamkeit hinauf.

Denke, denke, denke darüber nach.
Denke darüber nach, über das, was du verpaßt:
Ob Mauern, Draht oder Flechten,
man wird immer ums Leben fechten.

Ob geboren oder Keim.
Niemand will alleine sein.
Bäume sprachen oft zu mir:
"Schlafe doch heut‘ Nacht bei mir!"
Sternenhimmel deckt mich zu,
und ich ergebe mich der Ruh‘.

Denke darüber nach, über das, was du verpaßt.

Doch wenn in einem Menschen das Dunkel Einzug hält,
und du selbst nicht weißt, was Sache ist:
Das ist das Schlimmste, was es gibt!

Denke darüber nach, über das, was du verpaßt ...



 
 

Aus: Seidel, Straßenkinder in Deutschland, 1994, S. 238

 

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
2. Straßenkinder – Begriffsdefinition
3. Exkurs: Straßenkinder in Lateinamerika
4. Was "treibt" Kinder auf die Straße? 4.1. "Push"-Faktoren 4.1.1. Flucht von "zu Hause"
4.1.2. Flucht aus Einrichtungen der Jugendhilfe
4.2. Unfreiwillige Straßenkarrieren
4.3. "Pull"-Faktoren
4.4. Wenn es dann soweit ist...
5. Wie sich Straßenkinder "sehen" 5.1. Ich bin normal!
5.2. Gesundheit
5.3. "Wer nimmt schon jemandem mit so einem Lebenslauf, wie ich ihn habe"?
6. Kapitulation der Jugendhilfe – oder was? 6.1. Das Schwellenstufensystem von Pfennig
6.2. INSTAP – ein niederländisches Modell nach Permien/Zink
6.3. "OFF-ROAD-KIDS"
7. Zusammenfassung
8. Literaturverzeichnis
1. Einleitung

Geht man in Berlin zur S-Bahn trifft man häufig Kids oder Jugendliche an, die einen fragen, ob man denn mal eine Mark für sie hätte. Viele Leute gehen vorbei, ohne einen Blick zu "riskieren".

Bahnhöfe ziehen viele Kinder und Jugendliche an, die es entweder nicht mehr zu Hause aushalten und/oder aus Heimen "geflüchtet" sind. Es stellt sich dabei sicherlich die Frage, warum Kinder und Jugendliche den Lebensort Bahnhof und Straße vorziehen und somit viele Unannehmlichkeiten in Kauf nehmen, auf die man als "normaler Bürger" gern verzichtet.

Zu dieser Thematik gibt es recht viel Literatur und Untersuchungen. Natürlich fragt man sich dann, was da eine Hausarbeit zu diesem Thema noch soll, doch glaube ich, daß die Auseinandersetzung hiermit nicht falsch ist, wenn man im anstehenden großen Praktikum ein Semester lang im Jugendnotdienst arbeiten möchte. Das erworbene "theoretische" Wissen ist möglicherweise in der praktischen Tätigkeit wertvoll, wenn man weiß, warum diese Kids ein Leben auf der Straße vorziehen.

Ziel dieser Arbeit soll sein, zu ergründen, was Kinder auf die Straße zieht. Die sogenannten "push"- und "pull"-Faktoren sollen also näher beleuchtet werden. Weiterhin soll versucht werden Möglichkeiten aufzuzeigen, wie man diese Gruppe von Klienten der sozialen Arbeiten erreichen und ihnen somit vielleicht besser als bisher helfen kann. Doch bevor Ursachen genauer betrachtet werden, soll der Begriff "Straßenkinder" näher beleuchtet werden.
 
 

2. Straßenkinder - Begriffsdefinition

Hört man das Wort "Straßenkinder", so denkt man vielleicht nicht an Kinder und Jugendliche in Deutschland, sondern eher an irgendein Land in der sogenannten "Dritten Welt". Doch dazu im folgenden Abschnitt (3. Exkurs: Straßenkinder in Lateinamerika).

Hier in Deutschland ist sehr oft die Rede von "delinquenten Jugendlichen", "jungen Prostituierten" oder "Ausreißern", etc. Schaut man sich diese Begriffe an, fällt auf, daß die Betreffenden offenbar selbst Schuld an ihrer Situation sind. Diese Begriffe sind in der breiten Öffentlichkeit eher mit Stigma besetzt. Hierbei wird nur ein Aspekt des Lebens auf der Straße betrachtet (z. B. drogenabhängig).

Daher scheint ein allumfassender Begriff gerechtfertigter. Der Terminus "Straßenkinder" umfaßt dabei eine breite Palette von einzelnen Begriffen; schließt also den kompletten Lebensort Straße mit ein, und nicht nur Teilaspekte des Lebens "draußen" (z.B. Prostitution). Dieser Begriff beschreibt – mit anderen Worten – viel treffender die akuten Belastungen, die auf der Straße herrschen. Bei "delinquenten Jugendlichen" oder "Prostituierten", die auf der Straße leben, mag ihre Obdachlosigkeit nicht in Erscheinung treten. Schaut man sich aber diese Gruppe von Menschen unter dem Aspekt der Straßenkinder an, so schließt dies Obdachlosigkeit mit ein. Markus Seidel verwendet in seinem Buch von 1994 einen Straßenkinder-Begriff, der für Kinder und Jugendliche, die auf der Straße leben, meiner Meinung nach treffend ist. Hier ist die Rede von sogenannten "Streetern". Denn, hört man das Wort Straßenkinder, denkt man häufig an Kinder. Die Vermutung liegt nahe. Das Kinder- und Jugendhlifegesetz definiert in § 7, was unter Kindern zu verstehen ist. Kinder sind Personen bis zum vierzehnten Lebensjahr (vgl. § 7 Abs. 1 KJHG). Kinder unter vierzehn Lebensjahren sind also minderjährig. Doch sollte man dabei nicht dem Trugschluß verfallen, daß in dem Lebensort Straße nur Kinder leben. Auch Jugendliche trifft man dort an. Jugendliche sind nach dem KJHG Personen zwischen 14 und 18 Jahren (vgl. § 7 Abs.1 KJHG).

Das Deutsche Jugendinstitut hat Kriterien zusammengestellt, die allerdings von Fall zu Fall sehr unterschiedliche Bedeutung haben können (vgl. Müller, 1997, S. 108): Zum einen zeichnen sich Straßenkinder durch eine Abkehr von den durch die Gesellschaft vorgesehenen Sozialisationsinstanzen (Familie, Jugendhilfe, Schule, Ausbildung) aus. Weiterhin wenden sie sich der Straße zu, die dann neuer Sozialisationsort und Lebensmittelpunkt wird. Drittens nutzen sie die Straße als Ort, um Geld zu erwerben, indem sie erwachsenes Verhalten quasi vorwegnehmen (Raub, Prostitution, Betteln, Drogenhandel). Viertens wird die faktische Obdachlosigkeit als Kriterium für Straßenkinder herangezogen.

Straßenkinder sind als solche "nicht über einen Kamm zu scheren", denn ihre Problemlage ist sicherlich nicht homogen. Aber als gemeinsames Merkmal soll die Beziehungssuche der betroffenen Kinder und Jugendlichen "in der Bezeichnung >Straßenkinder< aufgehen", wie es Pfennig beschreibt (Pfennig, 1996, S. 14).
 
 

3. Exkurs: Straßenkinder in Lateinamerika

Nach Uwe von Dückers Artikel in der "Neuen Praxis" (Nummer 2/99), wird heute fast jedes zweite der auf der Straße lebenden Kinder dem lateinamerikanischen Kontinent zugerechnet (vgl. Dücker, Neue Praxis 2/99, S. 103). Wenn man den Begriff Straßenkinder hört, denkt man doch in erster Linie an Kinder aus der "dritten Welt".

In Lateinamerika werden Kinder auf der Straße zu ständig Suchenden (vgl. ebenda, S. 103). Doch stellt sich die Frage, wonach sie denn eigentlich suchen. Nach einem Obdach, nach Drogen, nach Action, nach Essen, nach menschlicher Wärme und Nähe oder Beziehungen? Doch gilt dies nur dort?

In Lateinamerika ist Kindheit nach Dücker gekennzeichnet von Armut und Überlebenskampf. In diesem Zusammenhang trifft es ein Zitat, welches der oben genannte Autor von Morales übernimmt: Kinder werden zu "kleinen Erwachsenen von geringem Wert" gemacht (zit. nach Dücker, ebenda, S. 103).

Somit werden Straßenkinder dort einfach als Subjekte des Handelns von Erwachsenen verstanden. Sie wachsen unter schwersten Bedingungen auf. Auch haben sie mit Gefahren in ihrem Alltag zu kämpfen. Dabei ist zu denken an das Risiko, von einem Mafiaboß umgebracht zu werden.

Unter den Bedingungen der Straße entwickeln sie eigenständige Strategien, um mit ihrer Situation klarzukommen. Sie bilden eigene Normen und Werte heraus, die sich von denen der Erwachsenen unterscheiden können. Während es seine eigene Kultur entwickelt, entfernt es sich immer mehr von der Kultur der Gesellschaft. Kleidung, Gesundheit, Körper und Hygiene werden langsam aber sicher vernachlässigt und es treten neuartige Verhaltensweisen zutage. Diese Strategien des Überlebens umfassen eine weite Zahl von legalen und auch illegalen Praktiken (Arbeit als legal erlaubte Möglichkeit an Geld zu kommen; Diebstahl und Raub als illegale Praktiken).

Dabei spielt die Kultur der Bande eine wesentliche Rolle, wie es Cohen ausdrücken würde. Denn die Familie fällt ja für die Kinder auf der Straße weg. Damit fehlt eine wichtige Sozialisationsinstanz der Kinder, die sie ersetzten durch den Zusammenschluß mit Gleichaltrigen. Hierbei haben alles das gleiche Schicksal zu ertragen. Im Vordergrund steht dabei die Sicherheit, Existenzsicherung und Überleben. Diese Cliquen haben eine große emotionale Bedeutung für die Kids, helfen ihnen bei ihrer Suche nach Identität und Selbstwertgefühl.

Es stellt sich natürlich die Frage, ob das, was für Kinder und Jugendliche "woanders" gilt, auch auf Deutschland zu übertragen ist. Sicherlich kann man es nicht 100prozentig übertragen, doch bilden auch "unsere" Straßenkinder ihre eigenen Überlebensstrategien aus, schließen sich mit anderen zusammen und bilden ihre eigene Kultur heraus.
 
 

4. Was treibt Kinder auf die Straße?

Welche Gründe treiben Kinder und Jugendliche auf die Straße und warum ziehen sie solch ein Leben vor, wo jeder Bürger sagen würde, das wäre doch kein Leben. Es gibt viele verschiedene Gründe, die sich nach "push"- und "pull"-Faktoren einteilen lassen.
 
 

4.1. "Push"-Faktoren

Was sind "push"-Faktoren, wird sicher die erste Frage lauten, wenn man diesen Begriff hört. "Push" stammt aus dem Englischen und bedeutet soviel wie stoßen bzw. drängen. Überträgt man dies, so läßt sich sagen, daß es Gründe geben muß, die Kinder und Jugendliche aus ihrem (Stief-)Elternhaus oder aus Einrichtungen der Jugendhilfe vertreiben.
 
 

4.1.1. Flucht von "zu Hause"

Die Palette von Gründen, warum Kinder und Jugendliche von zu Hause weglaufen, ist sehr breit gefächert. Manche planen es, andere brechen spontan auf und setzen sich ab. Einige brauchen mehrere Anläufe, kehren nach Hause zurück und versuchen es dann wieder. Bei anderen klappt es sofort.

Laut Hanna Permien und Gabriela Zink sollte man unterscheiden zwischen begrenzten und schwerwiegenden Dauerbelastungen in den Familien.

Zuerst zur ersten Gruppe von "Nestflüchtern". Geringe Belastungen und Krisen kommen eigentlich in jeder Beziehung vor. Auch ist es keine Besonderheit, daß im Sozialisationsprozeß der Kinder im elterlichen Haus Konflikte auftreten. Da wird über längere Ausgehzeiten diskutiert, mehr Taschengeld, die Kumpel,... Außerdem fanden beide Autorinnen heraus, daß sich die Jugendlichen im Gegensatz zu ihren Geschwistern zurückgesetzt fühlten. Auch ist die Beziehung zwischen den Eltern und ihren Kindern nicht durch körperliche Nähe gekennzeichnet, sondern es herrscht dort eher ein unterkühltes und mehr oder weniger konfliktreiches Beziehungsklima (vgl. Permien/Zink, 1998, S. 100). Alles in allem haben diese Kids also Streß mit ihren Eltern. Diese Pupertätskrisen macht in der Regel jeder Jugendliche irgendwann durch. Viele kommen damit zurecht. Doch gibt es Jugendliche, die sich mit dieser Situation maßlos überfordert sehen und sich absetzen – als einzig möglicher Ausweg aus dieser ausweglosen Situation.

Protest gegen elterliche Normen, Gebote und Verbote, Kritik am Lebensstil der Eltern ist also eine Gruppe von "push"-Faktoren.

Doch leiden Kinder und Jugendliche oft unter Dauerbelastungen im elterlichen Haus. Mädchen und Jungen fliehen oft vor den sexuellen Belästigungen ihres Vaters, Bruders oder Sonstige. Probleme mit den Eltern wegen der Schule, schlechten Noten. Gewalt, Trunksucht des Vaters oder der Mutter, Gleichgültigkeit, Ablehnung tragen ihr übriges bei. Summieren sich all diese Krisen, wird es für die Kinder noch problematischer, in ihrer Familie zu bleiben. Häufig sind Beziehungskonflikte im Elternhaus der Auslöser für Familienflucht, aber auch familiale Armut. Pfennig zitiert in diesem Zusammenhang Klatetzky: "Die unzureichenden und/oder ungeeigneten Beziehungen verhindern, daß sich das Kind mit seinen Bezugspersonen identifiziert – weil das Kind die Erfahrung macht, daß es für niemanden bedeutsam ist, wird niemand für das Kind bedeutsam" (zit. nach Pfennig, 1996, S. 7). Das Abhauen von zu Hause ist dann eine Lösung des Problems – obwohl es eigentlich keine Lösung ist. Doch in diesem Moment erscheint es den Kindern als einziger Ausweg aus einer ausweglosen Situation.

Dazu ein Beispiel: "(...) Dreizehn war ich da. Der (Stiefvater) hat mich halt in der Nacht über ins Zimmer eingeschlossen. Zu Essen hab‘ ich auch nichts gekriegt. Zuhause mußt‘ ich, seit mein Stiefvater da war, fragen, ob ich was zu essen haben kann oder zu trinken haben kann..." (Seidel, 1994, S. 98).

Noch krasser beschreibt es ein dreizehnjähriges Mädchen: "Alle saßen um mich herum und haben mich angeschrien. Ich soll mich doch aufs Gleis legen. Ich bin die Schande der Familie. Meine Mutter hat gesagt, daß sie mich nach der Geburt besser gleich totgeschlagen hätt‘. Ich hab‘ das nicht mehr ausgehalten. Jetzt bin ich erstmal hier. Jetzt bin ich Straßenkind" (ebenda, S. 152).
 
 

4.1.2. Flucht aus Einrichtungen der Jugendhilfe

Kinder laufen nicht nur von zu Hause weg. Auch aus Institutionen der Jugendhilfe ziehen sie sich zurück:

"... und ausgerechnet in dem Heim, das mir wirklich gut gefallen hat, bin ich dann abgehauen. (...) Die Leute waren dort besser als in anderen Heimen" (Seidel, 1994, S. 17). Dann antwortet dieser vierzehnjährige Junge auf die Frage, ob er denn mal im Heim eine Tür hinter sich zuschließen konnte, um seine Ruhe zu haben: "Ja, die Klotür" (ebenda, S. 18). Ein Privatleben ist also so gut wie ausgeschlossen. Auch führt der häufige Wechsel der Bezugspersonen dazu, daß die Kinder den Lebensort Heim nicht gerade toll finden: "Ja, Erzieher. Die haben Schichtwechsel. Da hat einer Tagdienst, einer Nachtdienst. Und dann gibt’s noch Praktikanten" (ebenda, S. 19).

In Einrichtungen der Jugendhilfe wird die Suche der Kids nach Beziehungen selten so beantwortet, wie sie es sich selbst vorstellen. Oft werden Kinder in Heime gesteckt, weil sie zu Hause mit ihren Eltern nicht mehr klarkommen. Doch diese Probleme werden nur auf einen anderen Ort verlagert. Die Beziehungsprobleme zwischen Eltern und Kindern werden verstärkt und weitergeführt.

Hänseleien und Gewalt unter den "Heiminsassen", aber auch strenge Regelungen, die Gleichgültigkeit des Erziehungspersonals, können Auslöser für Heimflucht werden (vgl. Permien/Zink, 1998, S. 132). Niemand scheint die Kinder ernst zu nehmen, sie scheinen nach einem Schema behandelt zu werden und werden entsprechend ihren Problemen in eine Schublade gesteckt und womöglich vergessen.

Das Leben auf der Straße verheißt also endlich Freiheit, aber es gibt dann auch oft kein Zurück mehr. Hier also führt auch die ständige unbeantwortete Suche der Kinder nach Beziehungen zur Flucht aus dem Heim. Auch treffen sie Gleichgesinnte an, denen es ähnlich wie ihnen erging und ergeht. Doch dazu später.
 
 

4.2. Unfreiwillige Straßenkarrieren

Doch auch Schicksalsschläge können dazu führen, daß die Straße zum neuen Lebensort wird: "Mit zehn schon mußte er auf Vergnügungsparks ackern. Auch seine Mutter arbeitete in den Buden. Einen Vater gab es für ihn nicht. Seinen Hauptschulabschluß hat er noch gemacht, eine Lehre begonnen, dann aber folgte das Fiasko: Seine Mutter starb unerwartet an Leukämie. Olli stehen die Tränen in den Augen: >Sie ist in meinen Armen gestorben.< (...) Die Wohnung wurde nach dem Tod der Mutter aufgelöst. Der Junge hatte von einem auf den anderen Tag kein Zuhase mehr. Die gerade angefangene Lehre ging in die Binsen und die Beziehung zu einem Mädchen in die Brüche. Olli hatte niemanden mehr, keine Verwandten, keine Bekannten, die zu ihm hielten. Absturz" (Seidel, 1994, S. 54).
 
 

4.3. "Pull"-Faktoren

"To pull" heißt übersetzt anziehen. Die "pull"-Faktoren sind also solche Faktoren, die Kinder und Jugendliche anziehen, ja sie quasi auf die Straße reißen.

"Ich weiß nicht, was den Bahnhof so interessant macht, aber irgendwie hat er Anziehungskraft, das verstehe ich irgendwo auch nicht. Ich weiß nicht, was die Leute da so finden, aber es zieht einen einfach an. Ich habe auch immer gesagt, nein, jetzt gehen wir nicht mehr zum Bahnhof, und dann bist du dann irgendwie am nächsten Tag wieder dort" (Permien/Zink, 1998, S. 228).

Vor dem eigentlichen Streeter-Leben haben die Kinder und Jugendlichen die Straße als einen ganz normalen Ort erlebt; vielleicht auch als Ort, wo sie Teile ihrer Freizeit verbrachten. Erst als sie dauerhaft gezwungen waren, sich auf den Lebensort Straße zu beschränken, entwickelten sie im Laufe der Zeit Anpassungs- und Bewältigungsstrategien aus, um mit dem neuen Leben klarzukommen.

Straße verheißt ein Ort zu sein, wo es fast keine Regeln gibt. Hier kann man sich frei entfalten. Erwachsene halten sich nur dann, wenn sie müssen, auf der Straße auf. Sonst ist von ihnen dort wenig zu sehen. Sie nutzen die Straße zweckmäßig, um von A nach B etc. zu gelangen. Soziale Kontrolle ist auf ein Minimum beschränkt, die dann aber um so härter von Polizisten und Sicherheitsdiensten durchgeführt wird.

Straßen können faszinierend wirken, die ein Leben in diesem sozialen Raum attraktiv erscheinen läßt, zumal dort alles nur besser als bisher Erlebtes sein kann.
 
 

4.4. Wenn es dann soweit ist...

Natürlich darf man nun nicht in den Trugschluß verfallen, daß nur die Faszination des Neuen, des freien Lebens auf der Straße oder nur die Krisen zu Hause der letzte Auslöser für erste Fluchten sind. Im Gegenteil, beide Faktoren – "push & pull" – zusammen betrachtet sind Gründe für den Entschluß, sich zu verselbständigen.

Irgendwann wird ein Kind oder Jugendlicher dann den Schritt wagen, und sich aus seinem bisherigen Lebensraum entfernen. Aber was ist letztendlich der Auslöser? Sicherlich ist nicht jeder Faktor für sich genommen der Auslöser, eher spielt letzten Endes alles zusammen eine gewaltige Rolle im Entscheidungsprozeß des Betreffenden, ob denn nun der große Schritt gewagt wird oder nicht.

Doch bevor sich Kinder und Jugendliche dazu entschließen endgültig auf der Straße zu leben, erfolgen meist mehrere Versuche, der Situation zu Hause oder im Heim zu entfliehen. Hanna Permien und Gabriela Zink schlossen aus ihren Studien auf ein bestimmtes Muster (vgl. Permien/Zink, 1998, S. 162ff.).

Die erste Flucht erfolgt oft spontan und nur für kurze Zeit, zum Beispiel für eine Nacht oder Tag, um den Eltern einen Denkzettel zu verpassen. Auf die Frage, ob sie schon mal versucht hat abzuhauen, antwortet ein Mädchen: "Ja, aber leider hab ich mich nicht so getraut, so richtig. Wußte ich nicht wohin, und ob ich’s nun machen soll und deswegen war ich meistens nur so nächtelang weggewesen. Vielleicht eine Nacht oder zweimal" (Permien/Zink, 1998, S. 77).

Die Jugendlichen machen sich durchaus Gedanken über die Effekte ihrer Flucht: "... ich hatte zwar Angst vor meinem Vater, aber mir hat auch meine Mutter leid getan, weil, (.) die würde dann total ausflippen und so..." (ebenda, S. 165). Weiter heißt es in dem von Permien und Zink zitierten Beispiel: "... daß er vielleicht, wenn er merkt, daß, wenn ich einen Tag weg bin, daß er weiß, daß er vielleicht sich denkt, daß ich sehr viel Angst vor ihm hab, also, daß er wenn ... daß ich mich vor ihm fürchte und so, damit er etwas Rücksicht auf mich nimmt, weil, dann wird er sich, glaub ich schon, denken: Ja, jetzt weiß ich, wieviel Angst mein Sohn vor mir hat und so, vielleicht bin ich wirklich so aggressiv" (ebenda, S. 165).

Erste Anlaufpunkte sind oft Bekannte, Freunde, Vertraute des Kindes. Dabei bleiben sie in der Regel in der näheren Umgebung, verlassen also selten bekanntes Terrain. Diese ersten Fluchten sind sicherlich auch Hinweise an die (Stief-)Eltern oder Betreuer im Heim, daß irgend etwas nicht stimmt. Aber ob diese Hilferufe verstanden werden, bleibt dahingestellt. Sicher fragt man sich, ob Abhauen ein Hilferuf ist, aber diesen Kinder bzw. Jugendlichen bleibt kein anderer Weg, um auf sich aufmerksam zu machen, daß es Probleme gibt, die gelöst werden müssen und nicht auf die sprichwörtliche lange Bank geschoben werden sollten. Wenn ein Kind oder Jugendlicher wiederkommt, reagiert man als Erwachsener nicht so, wie es im Sinne der Kinder wäre. Der Knackpunkt liegt darin, wie die Reaktion bei der Rückkehr des Ausreißers aussieht. Oft entstehen dadurch zusätzliche Probleme, die die ursprüngliche Problematik überdecken und/oder verstärken. Dann gibt es zusätzlichen Stubenarrest, die Standpauken der Eltern oder Betreuer folg(t)en.

Die Situation blieb also gespannt und verbessert sich nicht im geringsten. Nun folgten Fluchten für einen längeren Zeitraum – Wochenende oder mehrere Tage. Auch hier wandten sie sich an Freunde und Bekannte, aber gleichzeitig wird ihr Beziehungsradius größer. Sie knüpften im Vorfeld Beziehungen und sondierten die Lage in der "Szene". Außerdem ist nun schon eine gewisse Anonymität wichtig. Sie suchen Großstädte auf, verlassen ihre gewohnte Umgebung und fürchten die Entdeckung durch die Polizei, falls eine Vermißtenanzeige aufgegeben wurde.

Auf der Straße und im oder rund um den Bahnhof treffen die Kinder dann auf Gleichgesinnte: Stricher, Prostituierte, Drogenabhängige, Obdachlose. Alle diese haben ihren bisherigen Lebenszusammenhang aufgegeben und eingetauscht für ein Leben auf der Straße. Diese kennen sich bereits aus und bieten den Kindern einen schnellen Zugang zum Milieu. Außerdem sind so eine Art Ersatzfamilie, die Geborgenheit bieten kann. Sie hoffen, "eine vermeintliche Befriedigung der gesuchten Beziehung und Zuwendung zu finden. Das Milieu auf der Straße wird zunächst subjektiv als Schutz erlebt" (Pfennig, 1996, S. 9).

Viele der Ausreißer sind sich nicht sicher, ob sie für immer auf der Straße leben wollen. Die meisten wollten nach einen Zeitraum zurückkehren. Sie wollten mehr Aufmerksamkeit, Zuwendung erreichen. Doch die Konflikte spitzten sich weiter zu. So entfernten sich Kinder und Eltern bzw. Betreuer immer weiter voneinander.

Nun kommen die "pull"-Faktoren ins Spiel. Dem Streß zu Hause entronnen, wirkt die Straße befreiend. "Die ersten Tage auf der Platte waren cool, lustig, jede Menge Leute kennengelernt. Zehn Mark hab‘ ich in der Tasche gehabt. Mit ‘nem Freund zusammen hat das einen Kasten Bier gebracht. Nach dem halben Kasten war ich natürlich endknülle" (Seidel, 1994, S. 48). Doch bald holt sie der Alltag ein. "Auf der Straße hab‘ ich auch schon gepennt. Das ist ‘ne Scheißerfahrung (...) Ich bin nach Köln gekommen, um mein Leben zu genießen. Aber jetzt ist es Scheiße hier" (ebenda, S. 49).
 
 

5. Wie sich Straßenkinder "sehen"

5.1. Ich bin normal!

Vor einiger Zeit kam in Leipzig am Hauptbahnhof ein Jugendlicher auf mich zu und bat um etwas Kleingeld, daß ich ihm dann auch in die Hand drückte. Ihm war anzusehen, daß er auf der Straße lebt(en könnte). Jedenfalls hatten seine Klamotten lange keine Waschmaschine mehr gesehen. Einige Streeter erkennt man offenbar am ihrem Äußeren. Bei einer Gruppe von Kids bzw. Jugendlichen, die ihre Haare künstlerisch mit allen möglichen Farben gestalten, Alkohol konsumieren und Hunde oder Ratten mit dabei haben, könnte man mit hoher Wahrscheinlichkeit richtig liegen, wenn man diese für Streeter hält.

Aber es gibt auch Straßenkids, denen man es nicht glauben würde, daß sie "auf Platte" sind, wie es in Insiderkreisen heißt. Diese Gruppe von Streetern legt großen Wert auf ihr Äußeres. Sie bemühen sich, immer ordentliche und saubere Kleidung zu tragen, ja sie lehnen sogar das Schnorren ab. "Nein. Vor allem wir Straßenkinder sind ja nicht gerade blöd, ne. So, wir wissen, daß die Polizei grad nach uns sucht, und darum, auffällig kleiden ist da nicht" (Permien/Zink, 1998, S. 222).

Betrachten wir nun die letze Gruppe etwas genauer – also die unauffälligen Straßenkinder. Um nicht im Straßenbild offenkundig als jemand zu gelten, der kein Zuhause hat, entwickelten diese Kinder und Jugendlichen offenbar Strategien, um sich an ihren neuen Lebensort "Straße" anzupassen. Geschieht dies automatisch oder gibt es andere Gründe? Sicher wird einiges vom Verhalten signifikanter Anderer, in diesem Fall ebenfalls auf der Straße unauffällig lebenden Streetern, übernommen und in das eigene Verhalten eingebaut. Unauffälligkeit bedeutet Anonymität. Es gilt, sich möglichst nicht von der Polizei, Sicherheitsdiensten entdecken zu lassen, denn dann läuft man Gefahr, wieder zurück in das Martyrium zu müssen. Auch haben Streeter ihren Stolz, ihr Ehrgefühl. Streeter möchten nicht Mitleid erregen, sie wollen nicht als Obdachlose abgestempelt werden. Keineswegs wollen sie als arm gelten. Unauffälligkeit und nach Außen Normalität zeigen/vortäuschen heißt die Devise. "Ich bin kein Penner. Auf gut deutsch: Das ist unser Haus, die Straße. Wir sind Lebenskünstler, äh, Überlebenskünstler" (Seidel, 1994, S. 19).

Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch, daß sich Straßenkinder nicht mit dem Straßenkinder-Begriff identifizieren und sich gegenseitig nicht so bezeichnen, Statt dessen ziehen sie Bezeichnungen vor, die ihrer Zugehörigkeit zu einer Gruppe entsprechen, denn viele gehören einer eigenen Jugendkultur an, wie zum Beispiel den Punks, Ravern oder den HipHoppern. Sie schließen sich zu Gruppen zusammen, um ihr Leben etwas erträglicher zu gestalten, auch ist aber "für viele der Jugendlichen ist Rechts und Links schnell austauschbar, abhängig von persönlichen Erfahrungen, aber auch von allgemeinen Konjunkturen" (Britten, 1995, S. 120).
 
 

5.2. Gesundheit

Leben auf der Straße strengt an. Die Zeichen sind bei einigen Streetern unübersehbar. Der eigene Körper stört dabei teilweise auch. Wenn es im Winter kalt ist, müssen dann Drogen her, um nicht zu frieren, etc. Drogen und Alkohol können ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit vermitteln, welches sie sonst nicht bekommen können – weder von Sozialarbeitern in Sleep Ins, oder in Notdiensten, oder bei Freiern. Mittels Drogen wird der unmittelbare Lebenszusammenhang für eine Weile vergessen. Auch scheint bei einigen der eigene Körper keinen großen Stellenwert zu besitzen. Sie bieten ihr Fleisch auf dem Freiermarkt an, um Geld zu verdienen. Auch ist es vielen egal, ob sie irgendeine Krankheit bekommen könnten: "Ist mir egal. Wenn ich AIDS kriege, kriege ich eben AIDS, entweder-oder" (Britten, 1995, S. 75), so die Antwort eines Jungen auf die Frage, ob er Kondome benutzt, wenn er mit Mädchen "vögelt" (vgl. ebenda, S. 75).

Weiterhin ist es für Streeter problematisch, zum Arzt zu gehen. Eine Behandlung bekommt man nur auf Krankenschein. Diesen haben die meisten von ihnen aber nicht und sie sind laut Pfennig zum größten Teil nicht mehr krankenversichert (vgl. Pfennig, 1996, S. 15). Somit ist ein Arztbesuch von den Voraussetzungen also schon mal ausgeschlossen. Und wenn sie unter irgendeinem Vorwand zu einer Behandlung kommen würden, ohne Krankenschein, würde der Arzt ihren körperlichen Zustand erkennen. Sie wären quasi geoutet. Es besteht ja die Möglichkeit vom Sozialamt einen Krankenschein zu bekommen. § 37 BSHG wäre in diesem Fall maßgeblich. Das KJHG kennt auch eine Krankenhilfe in § 40, aber nur unter der Voraussetzung, daß die Kinder nach § 33 – 35a KJHG bereits betreut werden. Würden sie zum Sozialamt gehen, um sich diesen Schein zu holen, würden sie sich wiederum outen und würden unter Umständen von der Polizei erwartet, wenn sie das Amt verlassen oder beim Arzt waren.

"Was gibt es eigentlich Schlimmeres als Hunger, keine Kohle und nachts zum Schlafen nichts als den blanken Boden?" fragte Markus Seidel einen Streeter. "Es gibt nichts Schlimmeres als Zahnschmerzen!" (Seidel, 1994, S. 13).
 
 

5.3. "Wer nimmt schon jemandem mit so einem Lebenslauf, wie ich ihn habe?" (Britten, 1995, S. 182)

"Über meine Zukunft denke ich nicht nach, ich denke immer nur bis morgen, und was übermorgen kommt, weiß ich morgen" (Britten, 1995, S. 171). Manche der Kids wissen nicht, wie die Zukunft werden soll. Bei einigen herrscht dazu in ihren Köpfen Leere. Wozu sich auch darüber den Kopf zerbrechen? Wenn man jeden Tag aufs Neue planen muß, wo man schläft oder was zu essen bekommt, dann ist es schwer vorstellbar, für einen weitaus größeren Rahmen zu planen, geschweige denn sich auszumalen, was in zehn oder mehr Jahren sein wird. Die aktuellen Problemkonstellationen beanspruchen viel der Gedanken der Streeter als die Sorge um ihre spätere Zukunft. "Ich weiß nicht, was ich mit fünfundzwanzig mal mache, keine Ahnung. Aber es interessiert mich irgendwie auch nicht" (ebenda, S. 171).

Doch viele verbinden mit ihrer Zukunft Vorstellungen von einem ganz normalen Leben. Familie, Haus, Garten, Auto und Kinder, ach ja, Geld auch noch. Diese Zukunftsvorstellungen haben auch viele "Normalbürger".

"Und was willst du später mal machen?"

"Hausfrau."

"Was?" frage ich erstaunt.

"Ja, das machen doch alle. Was will man denn sonst machen? Heiraten... Kinderkriegen... ein Haus bauen..." (ebenda, S. 164).

Permien/Zink (vgl. Permien/Zink, 1998, S. 290) nutzen einen genialen Begriff: Niemand von der Straße möchte "Szenerenter" werden. Das Leben auf der Straße soll also nicht von Dauer sein. So wie die Obdachlosen und die Penner möchte niemand enden. Straße als Lebensort ist vorübergehend attraktiv, verliert aber bald seinen ursprünglichen Reiz. Hans Rüdiger Müller drückt es treffend aus: "das Älterwerden wirkt als Bedrohung für junge Menschen deren Selbstwertgefühl darauf gründet, als Kinder schon erwachsen zu sein. Je älter sie werden, um so weniger unterscheiden sie sich von ganz gewöhnlichen Obdachlosen, Kriminellen, Prostituierten und Autofahrern" (Müller, 1997, S. 112). Und die Andersartigkeit wollen sie auf jeden Fall bewahren. Dies zeigt sich unter anderem auch darin, daß zwischen den "Pennern" und den Straßenkindern abgesteckte Territorien existieren. Beide Gruppen gehen sich lieber aus dem Weg, als gemeinsam zusammen zu leben.
 
 

6. Kapitulation der Jugendhilfe – oder was?

Mittlerweile gibt es mehrere Ansätze, wie mit Straßenkindern zu "verfahren" sei. Mit der Zeit wurde erkannt, daß diese Gruppe von Klienten der sozialen Arbeit ganz besondere pädagogische Konzepte verlangt, um sie überhaupt zu erreichen.

Würde man in der Bevölkerung eine Umfrage starten, wie man diesen "Außenseitern" unserer Gesellschaft verfahren soll, erhält man vielleicht eine Antwort häufiger: Wegschließen und in ein Arbeitslager stecken. Dort würden sie ordentlich erzogen werden, würden eine Arbeit erledigen und somit den gesellschaftlichen Schaden wiedergutmachen, den sie gestiftet haben, indem sie klauten, usw. Über die Erfolge ließe sich streiten.
 
 

6.1. Das Schwellenstufensystem von Pfennig

Pfennig geht vom Begriff der sozialen Unterstützung aus (vgl. Pfennig, 1996, S. 23ff) und entwickelt ein Schwellenstufensystem, um Straßenkinder besser als bisher zu erreichen (vgl. ebenda, S. 153ff).

Dieses System besteht insgesamt aus vier Stufen, wobei jede dieser Stufe auf die vorhergehende aufbaut. Dabei stellt jede Stufe für die nächstfolgende die Schwelle dar - von jeder Stufe soll die Vermittlung in Unterstützungsmaßnahmen möglich sein, die nur wenig höherschwellig sind, als die vorherige Schwelle.

Die erste Schwelle soll so gering wie möglich sein, denn sonst würde man das Klientel nicht erreichen. Dabei dient Streetwork als Kontaktphase. Hierbei werden nur drei Regeln aufgestellt, die unbedingt notwendig sind. Die Streetworker am Kölner Hauptbahnhof waren mit einem Bus unterwegs und standen zu bestimmten Zeiten an bestimmten Tagen an Orten, die für die Streeter leicht zugänglich waren. Keine Drogen, keine Geschäfte und keine Gewalt im Bus war das Motto. Wer dagegen verstieß wurde nicht für immer ausgeschlossen, sondern nur solange bis derjenige bereit war, sich diesen minimalen Anforderungen anzupassen. Durch die geringen Anforderungen an die Straßenkinder wurde dieser Bus und das Team von Streetworkern von den Streetern akzeptiert. Nach mehrmaligen Besuchen ist es dann möglich, daß sich zwischen Minderjährigen und Sozialarbeitern ein Vertrauensverhältnis herausbildet und die Mitarbeiter um Hilfe gebeten werden, um beispielsweise für eine Nacht einen Schlafplatz zu bekommen, weil man bei einem Kumpel oder Freier nicht mehr bleiben kann. Dann greift die zweite Stufen dieses Systems – Notschlafstellen.

Notschlafstellen sollten auch keine Ausschlußkriterien haben, um die Zielgruppe zu erreichen und angenommen zu werden. Kurz gesagt werden milieutypische Verhaltensweisen akzeptiert. Auch ist dieses Angebot nicht zwanghaft. Wenn der Jugendliche nicht dort bleiben möchte, muß dies auch nicht getan werden. Und wenn er oder sie morgens wieder verschwindet und nichts weiter mit den Betreuern zu tun haben möchte – auch egal, denn dieser Wunsch des Kindes wird akzeptiert. Dabei können auch mehrere Wochen verstreichen, bis die Kinder und Jugendlichen ihre Anonymität aufgeben müssen. Ein sehr wichtiger Faktor, der oft im Wege steht, wenn man diese jungen Menschen erreichen möchte – ihre Anonymität verleiht ihnen ein Gefühl der Sicherheit und Selbstbestimmtheit, das nicht von heute auf morgen aufgegeben werden kann. Pfennig schlägt einen Zeitraum von einem halben Jahr vor, indem diese Möglichkeit der Hilfe in Anspruch genommen werden kann. Dies soll aber keine Dauerlösung sein, sondern sollte als Orientierung dienen, um mit den Betreffenden darüber nachzudenken, was denn getan werden könnte, um ihm oder ihr individuell zu helfen. Aber dies ist nicht so zu verstehen, daß gleich beim ersten Mal der Jugendliche mit einem Betreuer über Sachen wie Eltern, Schule und Drogenentzug oder Ähnliches reden muß – obwohl es doch ganz interessante Themen sind... – aber gerade nicht für Straßenkinder.

Wurde dann mit dem Streeter eine Perspektive entwickelt, die sich an den Wünschen und Vorstellungen des Straßenkindes orientiert, dann kann in einer dritten Stufe eine entsprechende Wohnform verwirklicht werden, die in der vorhergehenden Stufe mit dem Jugendlichen ausgemacht wurde. Wichtig hierbei ist auch, wie in den vorhergehenden Stufen, die Akzeptanz der Verhaltensweisen der Kinder. Dabei soll die Wohnform auf die individuellen Bedürfnisse der Jugendlichen Rücksicht nehmen. Der Jugendliche kann weiterhin in seinem Milieu bleiben und eine Herauslösung ist noch nicht explizit gefordert. Die wäre in etwa eine Form des Betreuten Wohnen. Wichtig hierbei ist die fehlende rund-um-die-Uhr-Betreuung. Die Jugendlichen können so ihrem gewohnten Lebensstil beibehalten und die Wohnung als Rückzugsort nutzen. Das "normale" Leben kann ihnen so vielleicht wieder schmackhaft gemacht werden. Da die Minderjährigen oder jungen Erwachsenen schon sehr selbständig sind, können sie diese beibehalten und müssen nicht, wie im Heim, diese zugunsten der Heimstruktur aufgeben.

Die letzte vierte Stufe beinhaltet das Angebot an Therapien, aber nur unter der Voraussetzung, daß die Betreffenden selbst diesen Wunsch äußern. Auch gibt es hierbei keine Ausschlußkriterien, d.h. auch Klienten werden akzeptiert, die bereits mehrere Therapien abgebrochen haben.

Dieses von Pfennig vorgeschlagene Schwellenstufensystem klingt vom Ansatz her nicht schlecht. Es ist lebensweltbezogen und klientenorientiert. Vor allem können die bereits geknüpften Beziehungen im sozialen Netzwerk "Straße" beibehalten werden, eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen von Sozialpädagogik. Sicherlich soll(t)en diese Beziehungen nacheinander durch "nicht-Szenekontakte" ersetzt werden, aber in der Anfangsphase sind bereits bestehende Beziehungen Grundstein für die weitere Arbeit. Pfennig äußert sich auch zu Beziehungen zwischen Pädagoge und Straßenkind, aber nur in der Hinsicht, daß "den Straßenkindern in jeder Phase der Unterstützung so viel Zeit und Raum für einen Beziehungsaufbau" zu geben ist, "bis der Wunsch zu weiterführender Unterstützung von den Straßenkindern selbst geäußert wird" (Pfennig, 1996, S. 157). Doch dabei vernachlässigt sie, daß die Kinder und Jugendlichen, die auf der Straße leben, erstmal sehr lange brauchen werden, um überhaupt echte Bindungen zu knüpfen. Oft brauchen sie auch einen Anlaß, um aus sich heraus zu kommen und Wünsche zu äußern. Weiterhin kommt folgendes zum Tragen: Pfennig äußert sich nicht, ob der Streetworker, zu dem der Minderjährige als erstes Kontakt knüpfte, ihn weiter betreut. Unterstellt man diesem Schwellenstufensystem einmal, daß in jeder Phase andere Sozialarbeiter tätig werden (in der Notschlafstelle arbeiten nicht die Streetworker des Busteams, im Betreuten Wohnen sind wiederum andere Sozialpädagogen beschäftigt als in der Notschlafstelle), kann der Streeter keine tragfähige Beziehung aufbauen, denn nachdem er feste Bindungen zu einem Betreuer geknüpft hat, wird er schon weitergeschubst. Und das dürfte ihm bekannt vorkommen – von einem Zuhause in das nächste.
 
 

6.2. INSTAP – ein niederländisches Modell nach Permien/Zink

Permien und Zink favorisieren einen ressourcenorientierten Arbeitsansatz in der Praxis. Schon in dem Ansatz liegt ein Unterschied zu dem von Gabriele Pfennig (s.o.) vorgeschlagenem Schwellenstufensystem.

Ressourcenorientierung bedeutet, daß sich an den Stärken der Jugendlichen orientiert wird, nicht an den Schwächen. Bisher wird oft an diesen sogenannten Schwächen angesetzt, indem gesagt wird, die Jugendlichen haben wenig Vertrauen in sich selbst, in die Umwelt, sind bindungsunfähig, usw.

Ziel der Ressourcenorientierung soll sein, bei den Jugendlichen "Prozessen von Diskontinuität, Entwurzelung und Verelendung auf der Straße entgegenzuwirken und soviel Integration wie möglich zu erreichen" (Permien/Zink, 1998, S. 361). Dabei muß sich die Jugendhilfe auf die individuelle Biographie und Herkunft der Streeter einlassen. Auch sollen und müssen ihre Motivation, soziale Zugehörigkeit und ihre bereits bestehenden Kompetenzen berücksichtigt werden. Nicht weniger bedeutsam sind auch die Zukunftsvorstellungen der Jugendlichen (s.o.). Um es mit anderen Worten auszudrücken; es ist falsch, wenn man die Kids der Straße auf ihre aktuelle Problemlage oder ihren aktuellen Hilfebedarf reduziert. "Sie brauchen Chancen, ihre Ambivalenzen und Ungewißheiten bezüglich der eigenen Geschichte und Herkunft ein Stück weit zu klären, verlorene und konfliktbelastete Beziehungen in ihrem Herkunftssystem und in dessen sozialem Umfeld – soweit es für beide Seiten zuträglich ist – zu reaktivieren und möglichst förderliche private Netzwerke jenseits von Straße (wieder)herzustellen" (ebenda, S. 363). Das Leben außerhalb der Straße soll somit wieder attraktiv werden und die Jugendlichen von der Straße "locken".

Als Beispiel stellen Hanna Permien und Gabriela Zink ein Modell aus den Niederlanden vor, das INSTAP genannt wird. INSTAP ist ein freier Träger der Jugendarbeit, der kommerziell organisiert ist. Seine Aufträge bekommt der Träger von den Kommunen, die ein "Problem" mit Straßenkindern haben. Mit den Streetern arbeiten jeweils sogenannte T-Teams, die aus maximal fünf Leuten bestehen. Dieses Team besteht aus Sozialpädagogen, Lehrern, Polizisten und eventuell Fachkräften aus den Heimatländern der Klienten. Wichtig hervorzuheben ist, daß die Arbeit Streeter in der Altersgruppe von 13 bis 27 Jahren beinhaltet. Es werden als auch junge Volljährige angesprochen, die hierzulande oft mit Erreichen der Volljährigkeit vom Jugendamt an das Sozialamt abgeschoben werden. Die Arbeit dieser Teams gliedert sich in vier Schritte (vgl. ebenda, S. 364ff).

In der ersten Phase der Arbeit erschließen die Mitarbeiter des T-Teams die Struktur der Stadt hinsichtlich der Bedeutung für die Streeter. Alle Organisationen, mit denen Streeter zu tun haben oder die für sie wichtig sein könnten, wird versucht, Kontakt zu knüpfen (Jugendhilfe, Polizei, Schulen, Justiz,...). Aus diesen Organisationen werden etwa 20 Spezialisten herausgefiltert, die sich besonders mit der Zielgruppe auskennen und diese schließen sich in einem "Problem Solving Network" zusammen. Alle zwei Monate ist ein Treffen zwischen diesen Spezialisten und dem T-Team angesetzt, um Angebote in allen Bereichen zu beraten, die Straßenkinder betreffen. Weiterhin erschließen sich die T-Teams die Szene der Straße, sie suchen Kneipen, Bahnhöfe, etc. auf – aber auch für die Kinder wichtige Personen werden aufgesucht.

In der zweiten Phase beginnt dann die eigentliche Einzelfallarbeit mit den Jugendlichen. Nun werden einzelne Jugendliche aufgesucht, die von den Behörden benannt werden. Die maximale Arbeitszeit mit dem Klient beträgt zwölf Wochen. In dieser Zeit wird Kontakt zu ihnen hergestellt und versucht, ihr Vertrauen zu gewinnen. Ziel ist es, den oder die Betreffende(n) von der Straße wegzubringen. Nach und nach sollen Kontakte der Straße durch andere Kontakte ersetzt werden. Es wird aber nicht gefordert, so wie es allgemein üblich ist, sofort ihre Szenekontakte zu lösen. Dabei werden die Jugendlichen mit den negativen Folgen ihres Lebens auf der Straße konfrontiert. Gleichzeitig wird ihnen aber auch klar gemacht, daß sie selbst die Kraft haben, sich dauerhaft von der Straße zu lösen. Ein Leben jenseits der Straße soll attraktiv gemacht werden – es wird versucht, die Jugendlichen von der Straße zu "locken".

In einer dritten Phase werden mit den Jugendlichen sogenannte Maps erarbeitet, in denen ihre sozialen Beziehungen in der Vergangenheit und Gegenwart festgehalten werden. Auch wird die Zukunft, so wie sie sich die Streeter vorstellen, festgehalten. Hierbei ist von Bedeutung inwieweit die früheren Kontakte für einen Ausstieg aus der Straße bedeutsam sind und ob sie reaktiviert werden können. Diese Kontakte können solche zu Eltern, Oma, Opa, Lehrern,... sein. Gleichzeitig werden aber die Szenekontakte nicht ausgeschlossen, sondern mit einbezogen. Es wird ein förderliches Netzwerk für die Hilfe beim Ausstieg und für die Zeit danach aufgebaut. Ehemals - wenigstens ansatzweise – positive Kontakte werden unter Begleitung durch die Mitglieder des T-Teams neu geknüpft. Außerdem wird ein Kontrakt zwischen Jugendlichem und T-Worker geschlossen. Dieser enthält lang- und kurzfristige Ziele, Handlungsplan und Aufgaben der Jugendlichen und T-Worker. Dieser Kontrakt ist auf sichtbare kleine Ziele angelegt – Erfolge sollen für den Klienten sichtbar sein, um dessen Motivation zu erhalten und zu stärken.

Die ersten drei Phasen liegen in einem Zeitraum von vier bis acht Wochen. Danach setzt die letzte, vierte Phase ein. Nun wird der Handlungsplan durchgeführt. Mit der Zeit wird auch die Beziehung zwischen Jugendlichem und T-Worker immer weiter abgebaut, wobei die Spezialisten des "Problem Solving Network" immer mehr an Unterstützung für den Jugendlichen übernehmen. Dabei übernehmen sie Aufgaben entsprechend ihren Fähigkeiten, indem sie zum Beispiel helfen, eine Wohnung zu finden. Ist diese Phase beendet, gibt es noch gelegentliche Kontakte zwischen Jugendlichem und T-Worker.

Dieses Konzept ist m.E. mindestens genauso gut wie das von Pfennig entwickelte Schwellenstufensystem. Besonders hervorzuheben ist, daß auch nach den zwölf Wochen die Mitarbeiter des Teams Kontakt zu den Jugendlichen halten. Dies erinnert stark an die intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung (ISE) nach § 35 KJHG. Doch wenn man sich Kommentare und Praxisberichte anschaut, die zu diesem Paragraphen geschrieben wurden, wird der grundlegende Unterschied zwischen INSTAP und ISE deutlich. Die ISE ist auf längere Zeit angelegt und dient quasi als Ersatzbeziehung. Doch dadurch könnten neue Abhängigkeiten entstehen. Gerade aber dies soll vermieden werden. ISE wird in der Regel pro Woche mit zwölf bis 18 Stunden veranlagt. Gefahr hierbei ist eben eine mögliche Abhängigkeit des Jugendlichen von seinem Betreuer und baut vor allem auf die Wünsche und Äußerungen des Jugendlichen. Häufig wird nur das gemacht, was der Jugendliche von sich aus wünscht. Dagegen wird bei INSTAP der Jugendliche gezwungen, sich mit seiner Vergangenheit, in Hinsicht auf mögliche wiederaufnehmbare Beziehungen, auseinanderzusetzen. ISE will neue Beziehungen schaffen, unabhängig von eventuellen noch ausbaubaren Beziehungen. Oft wird auch eine große räumliche Trennung verlangt (z. B. bei Segelfahrten...). Das heißt nicht, daß ISE grundsätzlich nicht zu gebrauchen ist. Straßenkinder können durchaus im Rahmen von § 35 KJHG betreut werden, doch vielleicht sollte man sich dann in etwa an dem Konzept von INSTAP orientieren (z.B. Netzwerk von Spezialisten schaffen, da häufig nur mit einem Spezialisten zusammengearbeitet wird).
 
 

6.3. "OFF-ROAD-KIDS"

Aus Interesse habe ich beim Verein "Off-Road-Kids" einige Informationen schicken lassen – es ist ein sehr interessantes Projekt, das im folgenden kurz dargestellt werden soll.

Diese Projekt wurde Ende 1993 ins Leben gerufen und ist entstanden auf Grundlage der "Forschungen", die Markus Seidel für sein Buch "Straßenkinder in Deutschland" in der Szene machte. Dazu wurde ein gemeinnütziger Verein gegründet. Oberstes Ziel ist die Integration von Straßenkindern, erreicht werden soll dies durch ein drei-Stufen-System: Streetwork – Wohnprojekt – Nachbetreuung. Dabei wird sich an den Wünschen und Vorstellungen der Straßenkinder orientiert.

Streetwork heißt, daß die Mitarbeiter zu den Kindern gehen. Derzeit sind dort fünf Mitarbeiter beschäftigt, die in vielen deutschen Städten in regelmäßigen Abständen vor Ort sind. Im Mittelpunkt steht hierbei die überregionale Betreuung, die die Kontaktaufnahme umfaßt, sowie ein 24-Studen-Notruftelefon (0130-Nummer) und die Krisenintervention.

In Bad Dürrheim hat der Verein ein eigenes Haus für ehemalige Streeter. Dort werden Jugendliche untergebracht, die bei Verwandten oder vor Ort nichts finden, wo sich sie von der Straße distanzieren können. Derzeit leben in diesem Haus fünf Jugendliche im Alter von 15 –17 Jahren. Finanziert wird dies über Tagessätze von den Herkunftsjugendämtern. Das Wohnprojekt beinhaltet eine "rund-um-die-Uhr-Betreuung". Die Betreuer leben teilweise mit im Projekt.

Nachbetreuung steht hierbei für die Aufrechterhaltung des Kontaktes nach dem Wohnprojekt. Dies ist für viele der Jugendlichen wichtig beim Aufbau einer eigenen Existenz.

Dieses Projekt klingt so ähnlich, jedenfalls vom Aufbau her, wie Pfennig’s vorgeschlagenes Schwellenstufensystem. Streetwork am Anfang, dann erfolgt die Unterbringung im Betreuten Wohnen und schließlich eine Nachbetreuung, die bei Pfennig m. E. außen vor bleibt.
 
 

7. Zusammenfassung

Kinder und Jugendliche entziehen sich aus vielerlei Gründen traditionellen Sozialisationsinstanzen wie Familie und Jugendhilfe. Die einen werden auf die Straße getrieben, andere wiederum entdecken die Straße als alternativen Lebensraum. In beiden Fällen löst irgendeine akute Krise die Flucht auf die Straße aus. Hier finden die Kids dann all das, was sie Zuhause oder im Heim vermißten: sie werden akzeptiert und wissen sich zu einer Gruppe zugehörig, die ständigen Mißhandlungen haben endlich aufgehört – man braucht nachts keine Angst mehr zu haben, daß die Zimmertür aufgeht. Vertrautheit und vielleicht sogar Geborgenheit bestätigen sie anfangs, daß der Schritt auf die Straße richtig war.

Doch dann beginnt sich alles im Kreis zu drehen: Die ständige Ungewißheit über einen sicheren Schlafplatz, mangelnde Ernährung, ja vielleicht sogar Drogenabhängigkeit nehmen ihren Lauf. Um im Winter draußen, falls man nicht beim Freunden oder Freier untergekommen ist, die Nacht zu überstehen, haut man sich mit Drogen voll. So spürt man wenigstens nicht die Kälte und die Blicke der Passanten.

Mit der Zeit wird einem dann klar, daß das Leben auf der Straße doch nicht so schön ist, wie man es sich vorgestellt hat. Ausstiegsversuche erfolgen. Meist erfolglos. Dann kommt die Jugendhilfe und möchte diesen Streetern ach so gerne helfen. Um Hilfe zu erhalten, solle man sich gefälligst bereit erklären, keine Drogen mehr zu nehmen und man soll doch seine Freunde der Szene vergessen. Das davon die wenigsten Straßenkinder begeistert sind, ist nicht verwunderlich.

In der Praxis wurde dann lang und breit nachgedacht, warum denn diese Zielgruppe bis dato wenig erreicht wurde. Herausgekommen sind neue Konzepte, die lange gefordertes umsetzen, wie zum Beispiel die Lebensweltorientierung. Sicherlich ist dies ein Schritt in die richtige Richtung, um zu den Straßenkindern in Deutschland einen weitaus besseren Zugang als bisher zu erhalten.

Möchte die Gesellschaft diese jungen Menschen wirklich wieder zurückhaben und sie von der Straße holen, muß die Gesellschaft sich eingestehen, daß Integration nicht einseitig erfolgen kann, sondern daß dieser Prozeß wechselseitig ist. Nicht nur die Streeter müssen sich uns anpassen, sondern vor allem sollte sich die Gesellschaft den Streeter anpassen und ihre Lebenslagen akzeptieren und sie nicht als "anders" und "fremd" einstufen und somit etikettieren.

8. Literaturverzeichnis
 
 

Britten, Uwe: Abgehauen, 1995, Palette Verlag

Dücker, Uwe von: Straßensozialisation, In: Neue Praxis 2/99, S. 103 – 111

Müller, Heinz Rüdiger: Muß Pädagogik sozialintegrativ sein?, In: Neue Praxis 2/97, S. 107 - 117

Permien, Hanna/Zink, Gabriela: Endstation Straße?, 1998, Verlag Deutsches Jugendinstitut

Pfennig, Gabriele: Lebenswelt Bahnhof, 1996, Luchterhand Verlag

Seidel, Markus Heinrich: Straßenkinder in Deutschland, 1994, Ullstein Verlag